Schulcurriculum der Gartenschule Karlsruhe für die Stufen 1 – 4 der Montessori-Klassen
1. Sinn und Aufgaben des Schulcurriculums
Zum Bildungsplan der Grundschule tritt ein Schulcurriculum hinzu, das dem Montessori-Profil der Gartenschule entspricht. Es hält grundlegende Inhalte von Bedeutung verbindlich fest und verknüpft inhaltliche Ziele mit Materialien und Arbeitsformen der Montessori-Pädagogik. Es garantiert die Anschlussfähigkeit.
Das Schulcurriculum macht für Schulöffentlichkeit und Eltern sowie für Schulaufsicht und Schulverwaltung Bildungsinhalte und die montessori-pädagogische Arbeit der Schule transparent.
Es ist Grundlage für die Arbeitsplanung des Kollegiums und der Teams, für die Stoffplanung der Lehrkräfte, für die Vorbereitung der Lernumgebung und die Beschaffungspläne der Schule.
Es ist ein Leitfaden für die Lehrkräfte der Schule und insbesondere für neue Lehrkräfte. Es ermöglicht auch die Anschlussfähigkeit bei Lehrerwechsel und Vertretungsunterricht. Es gibt Orientierung bezüglich der Themen und der Abfolge von Materialien.
Jedes Kind erhält für sein Lernbuch eine Auflistung der Inhalte und Materialien des Schulcurriculums. Damit gewinnt es einen Überblick über das Lernangebot und eine Orientierung hinsichtlich der Abfolge und Auswahl von Inhalten und Materialien. Dadurch wird die Freiarbeit gestärkt. Das Kind kann seine Arbeit besser strukturieren und auf dieser Grundlage planen.
Das Kind dokumentiert die Erarbeitung einzelner Felder und erhält so in einer Art Lernprotokoll eine Rückmeldung über den eigenen Stand seiner Arbeit und seines Lernens, was wiederum Grundlage für die Reflexion und Selbstevaluation sein kann.
2. Selbstbildung als Teil der Persönlichkeitsbildung des einzelnen Kindes
Montessori geht es stets um den Selbstaufbau des einzelnen Kindes, um die Realisierung seiner individuellen Potenziale und um die Bildung seiner Persönlichkeit.
Jedes Kind, egal welchen Begabungspotenzials, muss in den Inhalten eine seinem Leistungsvermögen entsprechende geistige Nahrung finden.
Die Inhalte sollen dem Kind helfen, sein Potenzial zu entfalten, seine Persönlichkeit zu entwickeln und sich in seine Kultur und seine Gesellschaft einzupassen.
Es geht nicht um die Anhäufung von Wissen, sondern darum, dass jedes Kind selbstständig und unabhängig wird, dass es zu eigenen Urteilen kommt, dass es eigenverantwortlich lernt und lebt, und dass es Interesse, Lernfreude, Arbeitshaltung und Selbstbewusstsein entwickelt.
Kognitive Ziele, so imponierend sie auch erscheinen mögen, sind nicht das Hauptanliegen der Montessori-Pädagogik. Sollen sie zur Persönlichkeitsbildung des ganzen Menschen beitragen, benötigen sie die Verbindung mit der psycho-sozialen, der emotionalen und der moralischen Entwicklungsseite.
3. Inhalte als „Nahrung“ für die Entwicklungsbedürfnisse von Kindern der zweiten Erziehungsstufe
Die Inhalte bestimmen sich nach den Entwickungsbedürfnissen von Kindern der 2. Erziehungsstufe und nach den im Programm der Kosmischen Erziehung aufgestellten Leitlinien für diese Stufe.
„Es ist nicht genug, dem Kind Material darzubieten. Es will in die Welt hinausgehen und das „Material“ selbst finden. Wir haben für Schulen und Material gesorgt; dies reicht nicht aus, das Kind will selbst forschen und sich anstrengen.“ (Montessori)
Montessori verlangt für das Kind:
„Was es lernt muss interessant und faszinierend sein. Man muss Großes bringen. Am Anfang wollen wir ihm die ganze Welt geben.“
„Einzelheiten lehren bedeutet, Verwirrung stiften. Die Beziehungen unter den Dingen herstellen bedeutet, Erkenntnisse vermitteln.“
Nach Montessori liegt die wichtigste pädagogische Aufgabe für diese Stufe darin,
„der Forschungsbegierde die weiten Felder des Wissens zu öffnen“
den „Keim der Wissenschaft“ zu legen und
„im breitwürfigen Säen einer Höchstzahl von Interessenssamen“.
Entwicklungsbedürfnisse und Sensibilitäten der zweiten Erziehungsstufe drängen das Kind danach, Orientierung zu bekommen, Zusammenhänge zu verstehen und ein Verständnis von der Welt und dem Großen und Ganzen zu gewinnen. Welt bedeutet für Montessori immer Natur und Kultur: die Welt der Naturphänomene und Naturgesetze und die Welt der Zahlen, der Sprache, der Technik, der menschlichen Gemeinschaft.
Aus Sicht und Erfahrung der Montessori-Pädagogik können Kinder wesentlich mehr als der herkömmliche Grundschulunterricht und der Bildungsplan ihnen zutrauen. Diese Idee des Großen und Ganzen muss im Curriculum immer spürbar sein.
Daraus folgt:
a) Ziele müssen Orientierung leisten und Überblick geben.
b) Ziele müssen Zusammenhänge erkennbar und verstehbar machen.
c) Interessen und Neugier sollen geweckt werden.
Daraus folgt wiederum für Auswahl und Umsetzung der Inhalte:
Alles, was Verwirrung stiftet, meiden.
Unwichtiges, Bedeutungsloses und Nebensächliches meiden.
Nicht verankerbare und nicht vernetzbare Einzelheiten weglassen.
Konzentration auf das Wesentliche und Anwendung des exemplarischen Prinzips.
„Weniger ist mehr.“
Ordnungen und Strukturen sind die entscheidenden Stützen für den geistigen Selbstaufbau des Kindes. Von besonderer Bedeutung sind daher solche Inhalte, die Orientierung und Struktur geben und die auch in ihrem inneren Aufbau ordnungsbildende Strukturen aufweisen.
4. Inhalte und didaktische Umsetzung
Die Inhalte sind nicht von der Form des Lernens zu trennen.
4.1. Selbstbildung in freier Arbeit
Nach Montessoris Auffassung baut jedes Kind in der Interaktion mit seiner natürlichen, kulturellen und sozialen Umwelt seinen Körper und seinen Geist selbst auf. Jedes Kind ist von sich aus spontan aktiv und neugierig. Selbstbildung ist ein Teil des allgemeinen Selbstaufbaus.
Das Kind benötigt daher auf der einen Seite Anreize aus der Umgebung und Selbstbildungsmittel, um sich seinen inneren Gesetzen nach entwickeln zu können.
Auf der anderen Seite braucht es existenziell Freiheit, um selbst tätig werden zu können und eigene Erfahrungen zu machen.
Es braucht genügend Zeit, um durch Wiederholungen zu einem vertieften Verstehen kommen zu können.
So baut das Kind sein Wissen und Können auf, so entwickelt es seine Persönlichkeit, so lernt es.
4.2 Individualisierung und Differenzierung; Fordern und Fördern
Wenn Selbstbildung ein vom Kind individuell gesteuerter Akt ist, müssen Inhalte didaktisch so aufbereitet sein, dass sie individuelles und differenziertes Lernen ermöglichen und gleichzeitig das Lernen miteinander und voneinander begünstigen.
Jedes Kind, egal welchen Begabungspotenzials, muss in den Inhalten eine seinem Leistungsvermögen entsprechende geistige Nahrung finden. Daher muss nicht jedes Kind sämtliche Teilziele realisieren. Das Schulcurriculum ist für das Kind da und nicht umgekehrt.
Es ist Sache der Lehrer, dort notwendige Streichungen vorzunehmen, wo Kinder überfordert sind. Keinesfalls sollen aber große Themen gestrichen werden, bloß weil nicht alle Kinder alle Ziele in vollem Umfang erreichen können.
In der Verschiedenheit der Kinder liegt begründet, dass die Erreichung der Teilziele eines Themas von Kind zu Kind differiert. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit neuer Formen der Leistungsbewertung.
Wo Kinder hinsichtlich der Bildungsstandards des staatlichen Bildungsplan ein Niveau grundlegender Anforderungen unterschreiten, müssen sie auf Basis einer Diagnose ihrer Schwierigkeiten gefördert werden.
Umgekehrt haben leistungsstarke Kinder Anspruch auf herausfordernde Anreize.
5. Selbstbildung und Selbsterziehung
Selbstbildung und Selbsterziehung, Bildungsziele und Erziehungsziele gehören zusammen. In der Arbeit an Inhalten entwickeln sich individuelle und soziale Tugenden, Einstellungen und Werthaltungen.
Interessen und innere Motivation können geweckt und Begeisterung kann entfacht werden. Während der freien, selbstgesteuerten Beschäftigung mit Inhalten kann sich Aufmerksamkeit polarisieren, wodurch Prozesse der Normalisation entstehen können.
Auf was es ankommt, das ist die Freiheit: die Freiheit, aktiv zu werden, die freie Wahl der Arbeit und das an Regeln gebundene freie soziale Leben, damit das Kind durch Erfahrungen sich entwickeln und lernen kann.
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